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16. Feb. 2026   •  3 Min. Lesezeit 

Nicht-menschliche Identitäten: Die übersehenen Schlüssel

Nicht-menschliche Identitäten: Die übersehenen Schlüssel

Management Summary

Ehrliche Bestandsaufnahme: In vielen Umgebungen sind Maschinenidentitäten gefährlicher als Benutzerkonten. Service-Konten mit Dauerrechten, hartkodierte Secrets, ewige Tokens und fehlende Telemetrie sind perfekte Einfallstore – unsichtbar, bequem, oft „technisch nötig“ deklariert. Wer Zero Trust ernst meint, muss nicht nur Menschen prüfen, sondern Workloads, Dienste und Geräte gleich mit. Der Weg ist klar: konsequentes Inventar, minimale Rechte, kurzlebige Anmeldeinformationen, harte Secrets-Rotation und durchgesetztes mTLS – belegt durch KPIs, nicht durch Absichtserklärungen.

Warum nicht-menschliche Identitäten unterschätzt werden

  • Unsichtbarkeit im Alltag: Es gibt keinen Mitarbeiter, der „falsch klickt“. Darum landen Service-Konten selten in Awareness-Programmen – und rutschen durch jede Kontrolle.
  • Bequemlichkeit vs. Sicherheit: Dauerrechte und statische Passwörter „funktionieren halt“. Bis sie kopiert, geleakt oder aus Repos gefischt werden.
  • Skalierungseffekt: Ein kompromittiertes Build-Token oder IoT-Zertifikat öffnet ganze Flotten – laterale Bewegung ohne Alarm.
  • Fehlende Eigentümerschaft: Wer „besitzt“ das Konto? Dev? Ops? Fachbereich? Ohne klaren Owner bleibt alles liegen.

Typische Schwachstellen

  • Hartkodierte Secrets in Code, CI/CD-Variablen, IaC-Templates → erzwungenes Secret-Scanning, Verbot von Klartext, zentraler Secrets-Store, Secrets-Rotation ≤ 30 Tage.
  • Dauerhafte Tokens/Zertifikate → kurzlebige, signierte Workload-Identitäten; automatische Erneuerung, Widerruf bei Anomalien.
  • Überprivilegierte Service-Konten → strikte Scopes, Least Privilege, Zugriff zeit- oder ereignisgesteuert; keine Shared-Accounts.
  • Fehlende Transport-Sicherheit zwischen Diensten → verpflichtendes mTLS (beidseitige Prüfung) mit automatischer Zertifikatsrotation.
  • Kein Inventar/keine Telemetrie → zentrales Register für Maschinenidentitäten, Nutzungs- & Ausstellungslogs, Alarme bei „unmöglichen“ Mustern.

Prinzipien für belastbare Maschinen-Identität

  1. Explizite Existenz: Jede nicht-menschliche Identität ist registriert (Owner, Zweck, Scope, Ablaufdatum).
  2. Kurzlebigkeit vor Komfort: Tokens/Zertifikate leben Stunden–Tage, nicht Monate. Rotation ist Pflicht, nicht Projektziel.
  3. Vertrauen ist nachweisbar: mTLS + Signaturen + Atteste; kein „wir glauben, dass …“.
  4. Least Privilege by Design: Rechte sind spezifisch, trennscharf und verfallen automatisch.
  5. Detektierbarkeit: Jede Nutzung hinterlässt Korrelation (Identität × Ziel × Zeitpunkt × Quelle) – sonst kein Einsatz.

90-Tage-Plan

Tag 0–15 – Sichtbarkeit & Stoppkriterien

  • Vollinventar aller Service-Konten, Tokens, Zertifikate, API-Keys (inkl. Owner, Scope, Ablauf).
  • Policies: Verbot hartkodierter Secrets; minimale Laufzeiten; Pflicht zu mTLS für interne Service-zu-Service-Pfad.
  • Baseline-KPIs ziehen (s. u.).

Tag 16–45 – Härtung & Kurzlebigkeit

  • Zentraler Secrets-Store einführen/vereinheitlichen; automatisierte Secrets-Rotation starten.
  • Kurzlebige Workload-Identitäten (signierte, zeitlich begrenzte Anmeldedaten) für die Top-3 kritischen Services.
  • mTLS auf kritischen Pfaden aktivieren (beidseitige Prüfung, Auto-Renew).

Tag 46–75 – Automatisieren & löschen

  • CI/CD-Gates: Build bricht ab bei hartkodierten Secrets, abgelaufenen Zertifikaten, übergroßen Scopes.
  • Rechte-Diät: Überprivilegierte Service-Konten reduzieren; ungenutzte Identitäten löschen.
  • Anomalie-Erkennung: Ungewöhnliche Nutzung (Zeit, Quelle, Volumen) → Auto-Revoke + Pager.

Tag 76–90 – Verankern & beweisen

  • Rotationszyklen fest drehen (≤ 30 Tage Token, ≤ 90 Tage Zertifikate – je nach Risiko).
  • Break-Glass-Prozess für Maschinenidentitäten testen (ausstellen, nutzen, widerrufen, auditieren).
  • Quartalsweises Steering mit KPIs; Budget an Wirkung koppeln (z. B. „Pinned-Rate“, „Rotation-Quote“).

KPIs, die Reife messbar machen

  • Inventory-Abdeckung: % registrierte Maschinenidentitäten mit Owner, Scope, Ablaufdatum.
  • Rotation-Quote: % Secrets/Zertifikate innerhalb Ziel-Zyklen rotiert.
  • Kurzlebigkeits-Score: Median-Lebensdauer von Tokens/Zertifikaten je Kritikalität.
  • mTLS-Abdeckung: % kritischer Service-Pfad mit durchgesetztem mTLS (inkl. beidseitiger Prüfung).
  • Scope-Hygiene: Anteil Service-Konten mit minimalen Rechten (keine Wildcards, keine Admin-All).
  • Leak/Find-Rate: Anzahl gefundener Secrets pro Monat und Zeit bis Entzug/Rotation.

Anti-Pattern

  • „Technisch nötig“ als Ausrede für Dauerrechte – nein. Belegt den Zwang, befristet, kompensiert das Risiko.
  • „mTLS später“ – später heißt nie. Ohne beidseitige Prüfung ist „internes“ Netzwerk ein offenes Feld.
  • „Nur Dev-Umgebung“ – Angreifer lieben Dev: echte Datenmodelle, echte Keys, wenig Monitoring.
  • „Wir loggen nicht – Datenschutz“ – Datenschutz ist kein Logging-Verbot. Protokolliert sparsam, aber prüfbar.

Praxis-Checkliste

  • Secrets-Scanning in allen Repos/CI-Pipelines erzwingen; Fail-Build bei Fund.
  • Zentraler Secrets-Store mit Secrets-Rotation und kurzlebigen Ausleihen (Just-in-Time für Dienste).
  • mTLS Pflicht für interne Services; automatische Zertifikatsvergabe/-verlängerung.
  • Rechte-Review für Service-Konten: Scopes minimieren, Ablaufdaten setzen, Owner benennen.
  • Telemetrie-Pflicht: Nutzung je Identität korrelieren; Auto-Revoke bei Anomalie.
  • Löschdisziplin: Unbenutzte Maschinenidentitäten entfernen – monatlicher Takt.

Fazit: Identität ist mehr als Mensch

Wer nur Benutzer härten will, baut die Haustür aus Stahl – und lässt die Seitentür offen. Maschinenidentitäten sind heute die realistische Angriffsroute Nummer eins: leise, skalierbar, oft ohne Alarm. Mit kurzlebigen Credentials, strikten Scopes, verpflichtendem mTLS, gelebter Secrets-Rotation und belastbaren KPIs wird aus Bauchgefühl kontrollierte Sicherheit. Alles andere ist teure Hoffnung.

FAQ zum Blogbeitrag

Was ist das Hauptproblem bei Maschinenidentitäten und Service-Konten?

Das größte Risiko sind Service-Konten mit Dauerrechten und hartkodierten Secrets, da sie Angreifern langfristigen und oft unbemerkten Zugriff ermöglichen.

Wie kann man das Sicherheitsrisiko von Service-Konten reduzieren?

Das Risiko sinkt durch kurzlebige Tokens, konsequentes mTLS und regelmäßige Secrets-Rotation im 30- bis 90-Tage-Rhythmus.

Wer ist für Maschinenkonten im Unternehmen verantwortlich?

Jedes Maschinenkonto sollte einen klaren Owner, definierte Berechtigungen und ein festgelegtes Ablaufdatum haben.

Wie lässt sich Missbrauch von Maschinenidentitäten erkennen?

Missbrauch erkennt man durch Nutzungskorrelation nach Identität, Ziel und Zeit sowie durch automatische Sperrung bei Auffälligkeiten.

Welche Security-Policy ist zwingend notwendig für Secrets?

Eine verbindliche Richtlinie ist der Build-Abbruch bei gefundenen Secrets oder unsignierten Commits.

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